Götterdämmerung am Kap

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Mit dem „Ring der Nibelungen“ beteiligte sich der Erlanger Fotograf Jürgen Hinterleithner in Kapstadt an einer beispielhaften Initiative zur beruflichen Integration schwarzer Township-Bewohner


Eric und Sipho sind vorgewarnt. „Sometimes the girls wear only a bra and a slip. But remember: Not all shootings are like that.” Kapstadt, Wesley Street 2. An der Kante zwischen Schöner Wohnen im Kolonialstil und den lärmenden Bohrhämmern der Stadtsanierung. Keinen Steinwurf entfernt die Apartheidsnarbe District Six. Kapstadts unheiliges Erbe in Innenstadtlage. 1966 zur „weißen Zone“ erklärt und dem Erdboden gleichgemacht; über Nacht Zwangsumsiedlung der rund 60.000 schwarzen und farbigen Bewohner in die Townships der sandigen Cape Flats.

 Zehn Jahre nach Ende der Apartheid beginnt die Wunde zu heilen, Baukräne und Bagger rücken der Ödnis zu Leibe. Seit Kapstadts Film- und Fotoindustrie boomt, reihen sich an der Kante zwischen kolonialer Pracht und Vergangenheitsbewältigung Unternehmen der Medienbranche wie auf einer Perlenschnur aneinander. Land und Licht locken. Südafrika ist wie Florida. Südafrika ist wie Kalifornien. Nur billiger – und anders. Kapstadt, Wesley Street 2. Sitz der Produktionsfirma Magic Mountain Productions, Werberambiente im Kolonialstil. „Sometimes the girls wear only a bra and a slip“.

 Sabina Bezuidenhout, 1993 von Hamburg nach Kapstadt ausgewandert und heute Chefin von Magic Mountain, warnt die jungen schwarzen Männer schon mal vor. Die Girls in Slip und BH, das sind diesmal Woglinde, Wellgunde und Floßhilde. Übermorgen werden sie auf einem Kutter im Hafen von Kalk Bay, 27 Kilometer vor den Toren Kapstadts, das Rheingold bewachen. Woglinde, Wellgunde, Floßhilde – Wesen von einem anderen Stern für Eric und Sipho. Für Eric, 34, aus dem Kapstädter Township Nyanga, der eines Tages mit seiner Frau einen Friseursalon eröffnen möchte; und Sipho, 25, aus Khayelithsa, der längst weiß, worauf es im Leben ankommt:
„Erwarte nicht immer alles vom Staat! Du bist selbst verantwortlich, um hier rauszukommen!“ Rauszukommen aus Armut und Arbeitslosigkeit. Eines Tages vielleicht sogar aus Khayelithsa, dem zweitgrößten Township Südafrikas, Heimat für schätzungsweise 1,5 Millionen Menschen. So ganz genau weiß das niemand.

 Eric und Sipho haben, wie dreizehn weitere junge Township-Männer, auf Leonard gehört und sitzen nun im Besprechungszimmer von Magic Mountain. Leonard, 34, der es als Wanderer zwischen den Welten geschafft hat, seit 2003 bei Magic Mountain tätig ist und es bei der Produktionsfirma mittlerweile zum Store Manager gebracht hat. Tagsüber die Inszenierung globaler Marken, nachts zurück nach Guguletu. Hier hat Leonard vor fünf Jahren ein Steinhaus gebaut, in dem er mit seiner Frau Thembi und Sohn Khanyisa, 1, wohnt, vor der Tür der Mazda, Baujahr 1980. 5.000 Rand, etwa 650 Euro, hat er für ihn bezahlt. Und vorsichtshalber 1.000 weitere Rand für Reparaturen schon mal zur Seite gelegt. Leonard ist damit kein gemachter Mann. Aber ein Mann, der es in der Welt der Weißen zu etwas gebracht hat, auf den hier im Township andere hören. Ein Mann mit offenem Lächeln, verbindlich, mit fehlerfreiem English, feinem Humor und geschliffenen Manieren.

 Eric, Sipho und ihre dreizehn Freunde aus Guguletu, aus Crossroads und Nyanga, aus den im Zuge anhaltender Landflucht noch immer geschwürartig weiter wuchernden Vorortsiedlungen der Kap-Metropole, sind Leonards Rat gefolgt und hören jetzt – es ist Ende September, ein schöner, noch etwas kalter Frühlingstag – auf Sabine Bezuidenhout. Die 37-Jährige steht mit ihrer Firma unter Druck. Bis 2014 will die südafrikanische Regierung mit einer Reihe legislativer und regulativer Maßnahmen die wirtschaftliche Stellung der schwarzen und farbigen Bevölkerung verbessern. Black Economic Empowerment, kurz BEE, lautet das Schlagwort. BEE kennt dafür bis 2014 klare Quotenvorgaben. Im Fiskaljahr 2002/2003 stellte die Regierung für BEE-Initiativen bereits Mittel in einer Gesamthöhe von 2,2 Mrd. Rand (ca. 280 Mio. Euro) zur Verfügung – und weiß: Der Staat allein kann diese Herkulesaufgabe nicht stemmen, man ist auf privat- wirtschaftliche BEE-Initiativen angewiesen, um die Kluft zwischen Arm und Reich zu schmälern. Bezuidenhout und ihr Mann Barry wollen nicht bis 2014 warten; sie haben keine Lust auf Zwangsquote, auch eine Schwarz-Weiß-Buchhalterei ist ihnen fremd. Eines Tages haben sie sich eigene Ziele gesetzt: Jedes ihrer Teams soll 50:50 besetzt sein. Möglichst bald. 50 Prozent weiß. 50 Prozent schwarz oder farbig. Südafrikanische Arbeitsmarkt- und Rassenmathematik.

 An diesem schönen, noch etwas kalten Frühlingstag im September beginnt ein Experiment. Training-on-the-Job am Set für 15 junge Xhosa-Männer. Gefunden und angeworben hat sie Leonard in seinem Freundes- und Bekanntenkreis. Sonntags nach der Kirche, auf dem Markt am Heimweg, abends in der Kneipe, im Shebeen. Die Stellenanzeige, die Bezuidenhout im Vorfeld des Projektes in der englischsprachigen Cape Argus and Cape Times schaltete, hat keiner von ihnen gelesen. Wie Millionen andere arbeitslose Schwarze in den Cape Flats. Südafrika ist ein gespaltenes Land. Immer noch.

 Sabina und Barry meinen es gut. Aber geschenkt wird auch im neuen demokratischen Südafrika niemandem was. Auch nicht Schwarzen oder Farbigen. Training-on-the-Job, das heißt für die Teilnehmer zunächst einmal: keine Bezahlung, kein Fahrtkostenzuschuss. Schauen, wo man bleibt – und die Chance, durch Lern- und Einsatzbereitschaft einen Job zu ergattern, der mit Tagessätzen von 350 bis 550 Rand (45 bis 75 Euro) in einer Woche mehr einbringen kann als ein ganzer Monat in einem Büro in Kapstadts City. Das zieht. Und wer es bis hier her, bis ins Besprechungszimmer von Magic Mountain, geschafft hat, gibt nicht leichtfertig auf. Führerschein vorhanden, Schul- und CNN-Englisch deutlich über deutschem Abiturdurchschnitt und den Fuß schon in der Tür – kommt es da auf ein paar Tage Probezeit für lau noch an? Bezuidenhout sitzen Männer gegenüber, die um ihre Chance wissen, aus deren Augen aber neben Neugier auch Skepsis spricht. Ist das hier wirklich eine Perspektive?

 In den nächsten Tagen werden die jungen Männer den kompletten „Ring“ bewältigen. Sabina und Barry Bezuidenhout haben sich unter ihren Kunden umgehört. Wer ist bereit, ihre BEE-Initiative aktiv zu unterstützen? Jürgen Hinterleithner, Fotograf und Geschäftsführer der Erlanger Agentur HL Studios, willigte ein, das erste BEE-Training-on-the-Job-Programm der Produktionsfirma zu leiten. Es ist das erste rein privatwirtschaftlich getragene BEE-Projekt in Kapstadts Film- und Fotoszene. Fränkisch trifft auf Xhosa. Learning-by-doing sollen die 15 Trainees die Berufsbilder der Branche unter echten Produktionsbedingungen kennenlernen. Rheingold, Walküre, Siegfried, Götterdämmerung. Hinterleithner, seit einigen Jahren vor allem für deutsche Industriekunden immer wieder in der Kap-Region unterwegs, will im großen Stil Richard Wagners „Ring der Nibelungen“ fotografisch inszenieren. Im Hafen von Kalk Bay, im Flugzeughangar des Saaf-Salm- Museums in Ysterplaat, in den weiten Dünenfeldern von Atlantis, im Township Guguletu. Casting, Catering, Kisten schleppen. Und natürlich Licht und Kabel. Immer wieder Licht und Kabel. Die jungen Männer beginnen bei Null. Sabina, Barry und Jürgen nehmen sich Zeit. Viel Zeit, erklären jeden Handgriff, jedes Gerät. Bereits mehr als zwei Stunden dauern die Aufbauarbeiten. Dann verlässt ein blonder deutscher Held mit rußigem Gesicht die Maske und wirft sich, in der rechten Hand die Augenbinde, vor dem Ventura PV-1-1447-Kampfjet in Pose. Siegfried oder Parsifal? Den Trainees darf’s egal sein. „These are the power switches. You either distribute between A and B. Or you work with A and B together. Or you just gonna work on A or B. This here is the A-switch. At the moment it is set to full power.” Das braucht man über den Tag hinaus. Barry Bezuidenhout erklärt den Trainees die Lichttechnik, während Hinterleithner sich unterm Vorhang über seinem Notebook einigelt, um die ersten Probeaufnahmen zu beurteilen. Raymond, 25, notiert mit. Raymond hat sich an der Kapstädter Uni, der UCT, ein- geschrieben, studiert Betriebswirtschaft. Am Training-on-the-Job nimmt er teil, um sich danach als freier Mitarbeiter sein Studium zu finanzieren. Wenn er die Chance kriegt.

 „Please bend a bit more forward. Chin up. Even more. It’s absolutely important that it looks like you are on the move. Okay, let’s try it again.” Hinterleithner sind die Aufnahmen noch zu statisch. Das Shooting zieht sich. Ein erster Vorgeschmack für die Trainees auf später. Wer auf einen Nine-to-Five-Job schielt, ist hier falsch. „Pünktlich“ geht heute keiner raus. Aber werden morgen auch alle wiederkommen?

 Barry und Sabina Bezuidenhout würden nicht darauf wetten. Sabina Bezuidenhout: „Es gibt Mentalitätsunterschiede. Die lassen sich nicht wegdiskutieren. Spannend wird sein, wie viele Trainees durchhalten.“ Wer ist zuverlässig? Wer ist ausdauernd? Das Training-on-the-Job Programm als Belastungsprobe und Assessment-Center für das Personal-Recruiting. „Klar, wir wollen mit den Jungs nach der Trainee-Phase dauerhaft arbeiten“, so Sabina Bezuidenhout. Wir stehen hier im globalen Wettbewerb. Der kennt und akzeptiert keine Farbunterschiede. Soll ich meinen Kunden sagen: Shooting fällt ins Wasser, weil meine Leute nicht gekommen sind?“

 Der Blick auf den späteren Arbeitsalltag erklärt auch, warum es ohne Führerschein für die Trainees nicht geht – obwohl alle bislang nur vom eigenen Auto träumen. Auch Eric, der sich bereits jahrelang als Taxifahrer verdingte. „Da ist zum einen natürlich die Flexibilität, wer fährt zum Set“, so Bezuidenhout. „Hinzu kommt aber auch die Frage: Wie kommen die Jungs später zur Arbeit? Film- und Foto-Shootings sind ja oft ein Tagesrandgeschäft. Morgens um halb vier oder spät abends können wir nicht einfach in die Townships fahren und die Leute abholen.“ Grassierende Kriminalität? Die jungen Männer, darauf angesprochen, sprechen nicht gern darüber. Ihre Blicke aber verraten: Jeder hätte Geschichten auf Lager, behält sie aber lieber für sich. Leonard lakonisch: „Well, now it’s a free country, but it is still not a crime-free country“. Auf dem Weg zum Training-on-the-Job bilden sie Fahrgemeinschaften, nehmen den Minibus. Dicht gedrängt ein langer Weg zur Arbeit, aber morgens ab vier ein machbarer. „If we have to leave earlier, it’s really a big problem for us“, meinen Sipho und Eric. Ob sie sich wie Leonard eines Tages ein eigenes Auto zulegen werden? Erst mal abwarten. Schauen, wie sich die Sache entwickelt.

 2. November 2004. Die Luft ist bereits deutlich wärmer. Eric, Sipho, Raymond, Lazola und Xolani haben sich bei Leonard versammelt. Sie alle sind dabei geblieben, haben durch- gehalten. Richard Wagner ist ihnen immer noch fremd. Aber hier bei Leonard fühlen sie sich wie zu Hause. Der Store Manager ist mittlerweile – wie soll man es nennen? – zum neben- beruflichen Township-Manager avanciert. Wann ist das nächste Shooting? Wo sollen wir hinkommen? Leonards Haus in Guguletu ist für die ehemaligen Trainees zur zentralen Anlaufstelle geworden. Leonard koordiniert Fahrgemeinschaften, teilt die jungen Männer den Projekten zu, passt auf, dass keiner von ihnen bei der Projektvergabe zu kurz kommt. Barry und Sabina Bezuidenhout geben Leonard dabei freie Hand. Black Economic Empowerment, gelebt in einer privaten Grassroots-Initiative. „BEE braucht solche Grassroots-Initiativen“, meint Sabina Bezuidenhout. „Das heißt auch, dass wir Ausbildungs- und Arbeitsplätze in die Townships bringen müssen.“

 Nach dem erfolgreichen Start denken die Bezuidenhouts bereits darüber nach, eine eigene Ausbildungsstätte im Township Guguletu einzurichten. „In einem ersten Schritt sehen wir eine solche Maßnahme sicherlich vorrangig als innerbetriebliche Ausbildung“, so Barry Bezuidenhout. „Das Reservoir an Unternehmen der Medienbranche ist in Kapstadt aber mittlerweile groß genug, um Absolventen einer solchen Ausbildung auch außerhalb unserer Firma lukrative Beschäftigungsmöglichkeiten zu eröffnen.“ Aufmerksam geworden auf den bisher so erfolgreichen Verlauf dieser Initiative unter BEEVorzeichen ist man mittlerweile auch in der südafrikanischen Hauptstadt Pretoria. So will sich Arbeitsminister Membathisi Mdladlana in den nächsten Wochen aus erster Hand über die weitere Ausbaufähigkeit des Projektes informerien. Auch Jürgen Hinterleithner ist gespannt, wie’s weitergeht: „Spätestens Mitte Februar werden wir unser nächstes Shooting am Kap haben. Ich bin mir sicher, dass Eric, Sipho, Raymond, Lazola und Xolani weiter am Ball bleiben und wir wieder einigen bekannten Gesichtern begegnen werden.“

Bernd Jung